„Wie alt ist Leon?“ „Dritte Klasse.“

Ganztagsgrundschule und soziale Benachteiligung: Im Netzwerk arbeiten mit der Jungendhilfe zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit sozialer Benachteiligung.

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Von Roland Kubitza

  1. Grundsätzliche Überlegungen

Dass die Zusammenarbeit zwischen Schulen und der Kinder- und Jugendhilfe einen Sinn haben kann, wird niemand infrage stellen. Das Wohlfühlen in der inhaltlichen Weite von mittlerweile unscharfen Begriffen wie „Kooperation“ und „Netzwerk“ verliert sich aber häufig schon beim Versuch der Vereinbarung von Zielen für eine konkrete Zusammenarbeit. Für die kooperierenden Systeme gilt, mit Offenheit und Neugier Strukturmerkmale, Haltungen, Aufgaben und nicht zuletzt Vokabular auszutauschen, gegenseitig zu erklären und als jeweils gültige Handlungsgrundsätze zu akzeptieren.

Der 14. Kinder- und Jugendbericht hält fest, dass für die Ganztagsschulen eine eigene Qualitätsdebatte geführt werden muss und Konzeptionen entwickelt werden müssen, „die pädagogische Maßstäbe erfüllen, die nicht unter denen traditioneller Hortangebote liegen.“ (...) „In diesem Rahmen werden sich Schule und Kinder- und Jugendhilfe sowie andere wichtige Partner nicht nur aufeinander zubewegen, sondern auch bereit sein müssen, sich im Sinne einer konstruktiven Partnerschaft weiterzuentwickeln.“ (14. Kinder- und Jugendbericht, S. 406ff.)

Aufseiten der Kinder- und Jugendhilfe ist es notwendig, neben der Bedarfsorientierung[1] und dem Schutzaspekt den Blick auf Gestaltungsoptionen zu richten. Es muss für einen Transfer der reichhaltigen Erfahrungen aus der Arbeit mit den Familien in positiv formulierte Ziele für die Schaffung optimaler Lern- und Lebensbedingungen von Kindern gesorgt werden.

Aufseiten der Lehrerinnen und Lehrer gehört zu einer kooperationsbedingenden Haltung die endgültige Akzeptanz der Tatsache, dass sich ihr Berufsbild geändert hat. Es ist keine Zumutung, sondern ein aktuelles fachliches Erfordernis, dass Grundwissen zu Themen wie Entwicklungspsychologie, Kindeswohl, Missbrauch, Mobbing, herausforderndem Verhalten, gruppendynamischen Prozessen und anderem vorhanden ist und außerdem Verfahren zur Selbstreflexion bekannt sind und angewandt werden. Dies ist zur Erfüllung des in den Schulgesetzen festgeschriebenen Bildungs- und Erziehungsauftrages notwendig.

Die Ganztagsgrundschule ist mit der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer, ihrer Beziehungspraxis mit den Schülerinnen und Schülern sowie den engen Kontakten zu vielen Eltern grundsätzlich prädestiniert für eine gelingende Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe zur Förderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Die Frage des Einflusses von Beziehungen und emotionaler Bindung auf Lernerfolge bei Kindern und Jugendlichen wird an Ganztagsgrundschulen eindrucksvoll beantwortet. Als Schüler auf einer weiterführenden Schule dann erwachsen und selbstständig werden (sollen), heißt aber nicht, dies ohne Beziehungsangebote erreichen zu können. Im Gegenteil. Dies scheint vor allem in gymnasialen Strukturen immer noch nicht verstanden zu werden.

  1. Wichtige Haltungen bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit sozialer Benachteiligung

Wenn hier von sozialer Benachteiligung die Rede ist, so ist sie nach Butterwegge et al. (2003, S. 235) anhand folgender Merkmale bestimmbar:

  • Kinder können nur eingeschränkt am gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben teilhaben.
  • Sie leben in einem schwierigen sozialen Umfeld, das unmittelbare Auswirkungen auf ihre Erziehung und Bildungsmöglichkeiten hat.
  • Finanzielle Schwierigkeiten in Verbindung mit instabilen Familienverhältnissen sorgen für einen erschwerten Zugang zu Bildungsmöglichkeiten und ungleiche Lebenschancen.
  • Kinder werden ohne Beachtung vorhandener Ressourcen von Mitmenschen stigmatisiert.

Haltungen determinieren nicht nur die Wirksamkeit von Methoden. Kinder und Jugendliche „hören“ besonders gut die Einstellung der Erwachsenen ihnen gegenüber, da sie beim Empfang von Nachrichten auf den „Ohren der Selbst- und Beziehungsaussagen“ ausgesprochen empfindlich sind. (s.a. Schulz von Thun, 1981) Die innere Haltung von Helfern und Unterstützern ist daher maßgeblich für den Aufbau einer wirklich fördernden Beziehung.

Folgende Haltungen gegenüber Kindern und Jugendlichen sind unter anderen wichtig:

Innere Haltung Bedeutet auf der Handlungsebene:
„Du hast die Eltern, die du hast und das ist gut so.“ Loyalität des Kindes mit dem Elternhaus nicht infrage oder auf die Probe stellen
„Du bist so, wie du bist und es ist gut, wie du bist.“ Individuelle Lebensentwürfe akzeptieren.
„Deine Würde ist unantastbar.“ Unterstützung und Hilfe ohne Beschämung
„In dir schlummern Potenziale, die du vielleicht selber noch nicht kennst, von deren Existenz ich aber völlig überzeugt bin.“ Immer wieder ermutigen und ganz neue (Bildungs-)Erfahrungen ermöglichen
„Wir Erwachsenen sind uns einig, wie wir mit dir umgehen.“ An einem Strang ziehen und berechenbar sein
  1. Das organisatorische Grundgerüst

Für gelingende Kooperationen zwischen Ganztagsgrundschule und Jugendhilfe sind eigens dafür entwickelte Strukturen notwendig. Wie so etwas konkret aussehen kann, zeigt die Vereinbarung zwischen dem Jugendamt und dem Staatlichen Schulamt im Landkreis Karlsruhe, die unter dem Titel „Von der Information zur Kooperation“ im Internet zu finden ist (Link s.u.) und immer wieder aktualisiert wird. Hier finden sich ganz wesentliche Grundsätze für die Zusammenarbeit. Zwei der Wichtigsten:

  • „Aufgabenteilung statt Aufgabenabgabe“, beschreibt das Erfordernis, „Ungleichgewichte in den Kooperationsvorhaben“ durch „Klarheit über eigene Motive und Zielsetzungen“ zu vermeiden.
  • „Aufbau gemeinsamer Strukturen (Ebenen): Um Kontinuität und Verlässlichkeit in der Kooperation zu erhalten, ist die Schaffung von systemübergreifenden Strukturen erforderlich, damit die Kooperation über persönliche Kontakte hinausgeht (Institutionalisierung) (...).“ (ebd.)

Reibungsverluste, Irritationen oder gar Misserfolg und Scheitern beinhalten in der Regel die Information, dass es einen ungedeckten Bedarf an Kommunikation gibt. Werden Probleme in dieser systemisch-ressourcenorientierten Weise betrachtet, tragen sie zur Weiterentwicklung der Zusammenarbeit bei.

  1. Entwicklung von Zielen für die Arbeit mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen

An dieser Stelle könnte eine Auflistung von Themen und Bereichen für die Zusammenarbeit zwischen Ganztagsgrundschule und Jugendhilfe stehen, wie z.B. Kinderschutz, Prävention, soziales Lernen, Selbstkompetenzen etc. Zielführender, da für tatsächlich jede Ganztagsschule individuell anwendbar und relevant, erscheinen mir aber Hinweise zur Erarbeitung von Zielen, die sich Ganztagsschulen für die Arbeit mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen setzen. Dies erscheint aus mehreren Gründen sinnvoll. Es wird verhindert, dass Kooperation zu einem Arbeitszeit raubenden Selbstzweck wird. Stattdessen können Einrichtungen und Dienste der Jugendhilfe schnell einschätzen, wer mit seinen Ressourcen hilfreich sein könnte. Aus Zielen und deren Erreichung heraus können dann sowohl konkrete Aufgabenstellungen entwickelt, als auch Kriterien für die Qualität der Zusammenarbeit abgelesen werden.

Mit zu Sachfragen und Zielen konkret formulierten Statements ist es im nächsten Schritt auch viel einfacher, in einer Kooperation als berechenbarer Partner mit konkretem Bedarf aufzutreten.

Am schnellsten nährt man sich Zielen, in dem man sich über den gewünschten oder erforderlich scheinenden Zustand im Klaren wird. Konkrete Zielzustände könnten z.B. sein:

  • Jedes Kind an unserer Schule verfügt immer über das erforderliche Lernmaterial.
  • Jede Lehrkraft fühlt sich herausforderndem Verhalten von Schülern grundsätzlich gewachsen.
  • Zu den Eltern bestehen Kontakte, von denen die Kinder profitieren.
  • u.a.

Zu den für die Arbeit konkreten Zielen kommt man dann schnell mit der Frage „Woran sehe oder merke ich, dass der Zielzustand x erreicht ist?“

Auf das Beispiel der Elternarbeit angewendet, bedeutet dies, dass sich Ganztagsschule darüber im Klaren werden muss, welche eindeutigen Erwartungen sie an Eltern hat. Hier reicht nicht das Gefühl, dass es gut läuft oder dass man einen guten Kontakt hat. Es ist vielmehr erforderlich genau zu formulieren, was Lehrkräfte und Schüler von Eltern für das Lernen in der Schule brauchen. Erst, wenn dies klar ist, können Kooperationspartner der Jugendhilfe beschreiben, welche Möglichkeiten und Mittel sie in ihren Portfolios haben, um z. B. Elternarbeit auf die genannten Ziele hin zu fördern.

Literatur

14. Kinder- und Jugendbericht, Deutscher Bundestag - 17. Wahlperiode Drucksache 17/12200, S. 404 ff.

Butterwegge, Christoph; Holm, Karin; Zander, Margerita u.a., Armut und Kindheit: Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich, Wiesbaden: VS Verlag, 2003.

Fischer, Jörg et al. (Hrsg.), Kinderschutz in gemeinsamer Verantwortung von Jugendhilfe und Schule, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften , Springer Fachmedien GmbH, 2011

Fiegenbaum, Dirk; Bücken, Milena, Umsetzung eines kooperativen Kinderschutzes in der Schule in: unsere Jugend, Heft 11/12 2014, 66. Jg. S.475-485

Jugendamt und Staatliches Schulamt im Landkreis Karlsrue, Von der Information zur Kooperation, Oktober 2014, https://www.landkreis-karlsruhe.de/media/custom/1636_2131_1.PDF?1415020388 (aufgerufen 24.11.2014)

Senge, Peter M.; Kleiner, Art; Smith, Bryan; Roberts, Charlotte; Ross, Richard; Das Fieldbook zur Fünften Disziplin, 2.Aufl. , Stuttgart: Klett-Cotta 1997

Schulz von Thun, Friedemann; Miteinander Reden, Hamburg: Rowohlt 1981

Weimann, Eike; Kinderarmut in der Grundschule - Möglichkeiten für Schule und Unterricht, in: Die Grundschulzeitschrift 235.236/2010, S.9-13, Friedrich-Verlag

 


[1]   die eigentlich eine Defizitorientierung ist ...