Da wäre zum eine die Sache mit dem Umgang mit Nahrungsmitteln. Genauer gesagt, das Bedürfnis vieler Menschen aus der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder, also der heute ca. ab 50jährigen Menschen aufwärts, keinerlei Essen oder Essensreste wegzuwerfen, sondern zu verwahren, seien sie möglicherweise auch noch so klein. Z.T. jahrelanger Hunger als Kind hinterlässt eine Einstellung zum Essen als etwas sehr wertvolles und lebensrettendes. Neben den persönlichen Hungererfahrungen spielt natürlich verstärkend die entsprechende Erziehung zum Sparen und dem in Ehren halten von Nahrungsmitteln eine große Rolle.

Ein weiteres Beispiel: Ruhe- und Rastlosigkeit, das Gefühl nie richtig anzukommen, entweder beruflich oder bezogen auf den Wohnort, kann ein Hinweis auf unbearbeitete Flüchtlingserfahrungen sein, die entweder noch selbst oder aber auch schon in der Eltern- oder Großelterngeneration gemacht wurden.

So gibt es eine große Fülle an Möglichkeiten, wie sich die Zeit zwischen 1939 und 1944 mit der anschließenden Nachkriegszeit so sehr auf das seelische Befinden der Menschen ausgewirkt hat, dass es heute für Kinder und Enkel noch reale Bedeutung im Leben hat.

 

Bei allen Therapien, Behandlungen und Beratungen von Klienten/Patienten ab einem Alter von ca. 35 Jahren sollte aus meiner Sicht zumindest die Möglichkeit bedacht werden, dass die transgenerationale Weitergabe von seelischen Belastungen und Traumata aus der Zeit des Nationalsozialismus, Krieg, Flucht und Vertreibung eine Rolle für die Themen/Probleme/Schwierigkeiten spielen könnte.

Roland Kubitza